Auf den kollaborativen Prozess zur Erstellung des Code of Conducts sind wir (fast) genauso stolz, wie auf das Ergebnis. In diesem Blogbeitrag berichten wir, wie die Zusammenarbeit mit 50 sehr unterschiedlichen Organisationen funktioniert, warum Technik keine Nebensache ist und wie Vertrauen entstehen kann. Habt ihr Fragen oder möchtet ihr den nächsten Prozess mit uns gestalten? Meldet euch!
Wie gehen wir in der Zivilgesellschaft verantwortungsvoll mit KI um? Diese Frage betrifft über 600.000 Vereine, Stiftungen und Initiativen in Deutschland – von der Sozialberatung bis zur Jugendarbeit, von der Gesundheitsversorgung bis zur politischen Bildung.
Um diese Frage zu beantworten, haben wir uns über 20 Monate auf die Suche nach Antworten begeben. Gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend haben wir einen partizipativen Prozess koordiniert: Gemeinsam mit mehr als 50 zivilgesellschaftlichen Organisationen – von der Arbeiterwohlfahrt über die Amadeu Antonio Stiftung bis zur Deutschen Schachjugend, vom Verband der Migrant*innenorganisationen Ostdeutschland bis zu CorrelAid – haben wir in vier großen Community-Treffen, zahlreichen Arbeitssitzungen und durch gemeinsame Textarbeit zusammengearbeitet.
Das Ergebnis ist der Code of Conduct Demokratische KI: acht Grundprinzipien auf zehn Seiten, die zivilgesellschaftlichen Organisationen praxisnahe Orientierung für den verantwortungsvollen KI-Einsatz bieten.
Wir sind stolz auf dieses Ergebnis. Gleichzeitig war der Entstehungsprozess für uns selbst ein Lernprozess mit vielen Erkenntnisse darüber, wie gute Zusammenarbeit in und Partizipation gelingen können. Diese Erkenntnisse wollen wir teilen, um auch andere Organisationen zu mehr Co-Kreation und innovativer Zusammenarbeit zu ermutigen und Fördergeber:innen Hinweise zu zentralen Bedingungen zu geben.
1. Ressourcen ermöglichen echte Teilhabe

Teilnehmende beim Code of Conduct Launch. Foto: D64/Boris Saposchnikow
Viele Menschen in der Zivilgesellschaft engagieren sich neben Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen. Reisekostenerstattung und Aufwandsentschädigungen waren daher entscheidend dafür, dass kleinere Organisationen und Einzelpersonen überhaupt an unseren Treffen teilnehmen konnten. Ohne diese Unterstützung wäre unsere Gruppe auch deutlich homogener gewesen. In der Praxis zeigte sich das sehr klar: Bei 40–50 Teilnehmenden haben meist 10–12 Personen eine Aufwandsentschädigung in Anspruch genommen. Es waren ausschließlich sehr kleine oder ehrenamtlich strukturierte Organisationen, die diese Unterstützung benötigten.
Was funktioniert hat: Bei der Kalkulation partizipativer Prozesse nicht nur die sichtbaren Kosten für Workshops (wie Eventspace, Technik oder Catering) einplanen, sondern mindestens auch Reisekostenerstattungen.
Die Herausforderung: Viele Fördergeber:innen sehen die Bedarfe nicht, außerdem braucht die Arbeit natürlich trotzdem Zeit, die ist gerade bei Projektgeförderten eine sehr knappe Ressource.
2. Engagement braucht flexible Beteiligungsformate

Teilnehmende beim Code of Conduct Launch. Foto: D64/Boris Saposchnikow
In der Zivilgesellschaft fehlt neben Geld auch oft Zeit: Gerade Ehrenamtliche haben begrenzte Zeitressourcen. Aber auch Mitarbeitende kleinerer Organisationen haben oft viele unterschiedliche Verantwortungsbereiche. Auch für unseren Prozess bedeutete das: Engagement fluktuiert – und das ist ganz normal.
Um dem gerecht zu werden, haben wir bewusst unterschiedliche Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen, unterschiedliche Kapazitäten und Bedürfnisse berücksichtigen:
- Vier größere hybride Community-Treffen für die gemeinsame Diskussion grundlegender Entscheidungen.
- Kleinere Arbeitssitzungen für die intensive Ausarbeitung einzelner Prinzipien und Diskussion konkreter Texte und Vorschläge.
- Asynchrone Zusammenarbeit in kollaborativen Dokumenten und gemeinsamen Boards, zum Beispiel für Ressourcensammlungen oder redaktionelle Bearbeitung.
Es war für uns zum Beispiel wichtig, dass alle Organisationen bei den Community-Treffen repräsentiert waren. Wir erwarteten jedoch nicht, dass immer dieselben Personen teilnahmen. Durch wechselnde Vertreter:innen wurde die Community breiter und mehr Personen lernten den Prozess kennen. Zur Hälfte des Prozesses konnten zudem neue Organisationen dazustoßen. Für deren Vertreter:innen boten wir kurze Onboarding-Calls an, um Fragen bereits vor den Community-Treffen zu beantworten. Für uns eine sehr positive Überraschung: Sehr viele Beteiligte engagierten sich auch über die großen Community-Treffen hinaus in den kleineren Arbeitssitzungen.
Was funktioniert hat: Flexibilität in der Gestaltung der Formate und eine gute Vorbereitung machen Beteiligung für alle leichter. Jedes Treffen startete mit einer kurzen Einführung und wurde dokumentiert, um für eine Teilnahme auch nach Auszeiten zu erleichtern. Klare Fragestellungen und realistische Erwartungen waren dabei zentral.
Die Herausforderung: Diese interne Koordination war sehr zeitintensiv: Termine koordinieren, Nachbereitungen schreiben, Dokumentation aktuell halten, das alles erfordert Ressourcen im Team.
3. Methodenvielfalt ist entscheidend

World Café beim Treffen in Köln. Foto: D64/Johann Lensing
Menschen arbeiten unterschiedlich. Manche denken am besten in offenen Diskussionen, andere brauchen Zeit zum Nachdenken, wieder andere arbeiten lieber visuell oder schriftlich. Wir haben deswegen verschiedene Formate ausprobiert und auch innerhalb der Treffen für Variation gesorgt:
- World Cafés ließen die meisten Ideen entstehen und waren ideal zum Kennenlernen unterschiedlicher Perspektiven. Dort haben wir zum Beispiel große Themen, wie den Zusammenhang zwischen KI und Gerechtigkeit, gemeinsam diskutiert. Dabei haben wir die Moderation bewusst sehr zurückhaltend gestaltet, um Austausch zwischen den Teilnehmenden zu fördern.
- Online-Arbeitsumgebungen ermöglichten gemeinsames Ideensammeln und asynchrones Weiterarbeiten. Unsere Community-Plattform auf HumHub ermöglichte Terminvereinbarungen und gezielten Austausch, etwa zu den Umsetzungsmaterialien, auf gemeinsamen Boards organisierten wir Ideen und Ressourcen.
- Gallery Walks zum ersten Textentwurf des Code of Conduct ermöglichten sowohl tiefergehende Diskussionen zu einzelnen Prinzipien als auch konkrete Kommentare zu einzelnen Textbausteinen.
- Inputs externer Speaker:innen gaben neue Impulse für die Gruppenarbeit. Allerdings gab es hier unterschiedliche Rückmeldungen: Manche empfanden die externen Perspektiven als sehr wertvoll, andere bemerkten, dass sie vom gemeinsamen Arbeiten ablenkten.
Was funktioniert hat: Methodenvielfalt erhöht die Chancen, dass sich alle einbringen können. Regelmäßige Variation der Formate spricht unterschiedliche Arbeitsweisen an.
Die Herausforderung: Die perfekte Methode für alle gibt es nicht. Jedes Format hat seine Stärken und Schwächen und nicht jede Methode passt zu jedem Anlass.
4. Technik ist keine Nebensache

Online-Übertragung der Diskussionen beim Treffen in Berlin. Foto: D64/Fionn Große
Die technische Infrastruktur entscheidet mit darüber, wer sich beteiligen kann und wie gut. Das erste hybride Treffen war technisch holprig. Online-Teilnehmende fühlten sich abgehängt, die Tonqualität war schlecht. Für das zweite Mal investierten wir in ein besseres Soundsystem, außerdem trennten wir die Arbeitsgruppen online und offline. Bei jeder Veranstaltung gab es zusätzlich eine separate Begleitung für die Online-Gruppe, auch wir als Organisator:innen checkten regelmäßig ein.
Was funktioniert hat: Gute Technik ist notwendig, aber nicht ausreichend, es braucht auch dedizierte Betreuung der Online-Teilnehmenden. Aber: Nicht jedes Format muss hybrid sein. Manchmal sind getrennte Online- und Präsenz-Sessions effektiver als eine Mischung. So konnten auch die Offline-Teilnehmenden ganz ohne Bildschirm kreativ arbeiten.
Die Herausforderung: Wirklich gleichwertige Teilhabe in hybriden Settings ist aufwendig und braucht Ressourcen, sowohl finanziell (Equipment) als auch personell (zusätzliche Betreuung). Selbst mit guter Vorbereitung bleiben hybride Formate anfällig für technische Pannen.
5. Vertrauen entsteht nicht automatisch

Awareness-Poster beim Code of Conduct Launch. Foto: D64/Boris Saposchnikow
In einer Gruppe mit über 50 Organisationen treffen viele neue Gesichter, unterschiedliche Arbeitsweisen und Erwartungen aufeinander. Vertrauensbildung braucht Zeit und Formate jenseits der inhaltlichen Arbeit: Kleingruppenarbeit mit Zeit für persönliche Gespräche, Murmelrunden zum gegenseitigen Kennenlernen und – besonders wichtig – persönliche Treffen mit gemeinsamen Mahlzeiten. Gerade bei den Treffen außerhalb von Berlin waren die Teilnehmer:innen auf die gemeinsame Zeit fokussiert.
Ein wichtiger Baustein war das Awareness-Team, das wir von Anfang an etablierten, mit professioneller Begleitung und Unterstützung durch geschulte Ehrenamtliche. Ein Fürsorgekonzept bei jeder Veranstaltung und die durchgängige Erreichbarkeit schufen Klarheit über unsere Regeln für die Zusammenarbeit sowie Anlaufstellen bei Verstößen. Schon die Präsenz des Teams stieß wichtige Konversationen über Machtasymmetrien an.
Was funktioniert hat: Eine externe Moderation und die Begleitung durch ein Awareness-Team waren wertvoll. Sie ermöglichte uns, die Organisator:innenrolle umfassend wahrzunehmen und gleichzeitig als koordinierende Organisation am Prozess teilzunehmen.
Die Herausforderung: Vertrauen lässt sich nicht beschleunigen. Trotz aller Formate und Bemühungen braucht es Zeit, bis sich die Beteiligten kennenlernen. Statt dem ersten Community-Treffen in großer Runde hätten wir im Rückblick ein digitales Kick-off-Treffen planen können, um Teilnehmende schon vor dem Treffen zu vernetzen.
6. Diversität ist Stärke und Herausforderung zugleich

Gruppenfoto beim Code of Conduct Launch. Foto: D64/Boris Saposchnikow
Von der Deutschen Schachjugend über die AWO bis zu Algoright – jede Organisation brachte andere Erfahrungen, Schwerpunkte und Sorgen ein. Was bedeutet demokratische KI in der Bildungs- oder Sozialarbeit? Für die Beratung? Welchen Einfluss hat sie auf Umweltorganisationen? Diese inhaltlichen Übersetzungsleistungen mussten wir im Prozess immer wieder neu erbringen. Sie machten den Code of Conduct am Ende jedoch auch robuster. Die Teilnehmenden waren sehr offen und konnten viel voneinander lernen.
Was funktioniert hat: Die Vielfalt der beteiligten Organisationen sorgte für einen praxisnahen, vielschichtigen Code of Conduct. Durch die unterschiedlichen Perspektiven wurden blinde Flecken sichtbar und abstrakte Prinzipien an konkreten Anwendungsfällen geschärft.
Die Herausforderung: Trotz aller Bemühungen steckte auch in unserem Prozess – einem offenen Call for Participants – ein Selection Bias: Am Prozess nahmen vor allem jene teil, die ohnehin für das Thema sensibilisiert sind. Extreme KI-Kritiker:innen waren weniger vertreten, ebenso Organisationen, die sich noch nie mit dem Thema befasst haben. Um mehr diverse Stimmen einzubinden, bräuchte es deutlich mehr Ressourcen: für gezielte Ansprache und Mobilisierung, für niedrigschwellige Einstiegsformate und Übersetzungsarbeit. Das zeigt auch die strukturellen Herausforderungen partizipativer und inklusiver Prozesse.
Was bleibt?

D64-Geschäftsführer Ulrich Berger beim Code of Conduct Launch. Foto: D64/Boris Saposchnikow
Nach 20 Monaten intensiver Zusammenarbeit steht der Code of Conduct Demokratische KI. Er ist das Ergebnis vielfältiger Perspektiven, zahlreicher Stunden Engagement und der Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Unsere wichtigste Erkenntnis: Zivilgesellschaft kann die digitale Transformation produktiv mitgestalten. Gemeinsam haben es über 100 Organisationen geschafft, Haltung im Diskurs rund um KI zu zeigen. Gleichzeitig wurde deutlich: Partizipative Prozesse brauchen Zeit, Ressourcen, methodische Vielfalt und die Bereitschaft, pragmatisch zusammenzuarbeiten.
Ihr plant eigene Beteiligungsformate?
Wir geben unser Wissen gerne weiter. Egal, ob ihr nur wissen möchtet, welches hybride Setup wir verwendet haben, oder ob ihr gemeinsam mit uns einen großen Beteiligungsprozess zur digitalen Transformation aufsetzen möchtet: Wir stehen als Sparringspartner bereit! Schreibt uns einfach an buero@d-64.org.
Ihr wollt zivilgesellschaftliches Engagement stärken?
Uns sind insbesondere Beteiligungsprozesse wichtig, die Partizipation der Zivilgesellschaft nicht nur als Wunsch formulieren, sondern die nötigen Rahmenbedingungen dafür schaffen. Seid ihr in der Position, das zu ermöglichen? Dann laden wir euch herzlich zu einem vertraulichen Austausch ein. Lasst uns über realistische Anforderungen, die Vermeidung von „Beteiligungstheater“ und/oder Möglichkeiten der Zusammenarbeit sprechen.
Ihr wollt den Code of Conduct mitzeichnen?
Die Unterzeichnung ist weiterhin möglich: https://demokratische-ki.de/code-of-conduct/. Es sind Unterzeichnende aus allen Sektoren willkommen, zum Beispiel aus der Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung.
Wir sind dankbar für jede einzelne Stimme, die diesen Prozess mitgestaltet hat. Und freuen uns auf alles, was daraus entsteht.